Warum es uns leichter fällt, Flyer zu verteilen als eine Website zu erstellen

Es gibt Dinge, die fallen uns leicht. Und dann gibt es Dinge, die fühlen sich an, als wollten wir einen Kühlschrank den Mount Everest hinaufschleppen.

Irgendwie gehört das Erstellen der eigenen Website dazu. Und obwohl ich Webdesignerin bin, bilde ich da leider keine Ausnahme. Es fällt mir tausendmal leichter, Flyer oder Visitenkarten zu verteilen, als an meiner eigenen Website herumzufeilen.

Also habe ich mir Gedanken darüber gemacht, warum mein Gehirn ausgerechnet da streikt, wo ich meine Leidenschaft zum Beruf gemacht habe.

Eine kurze Internetrecherche (naja, ich habe die KI gefragt) gab mir auf diese Frage eine verblüffende Antwort. Und die liegt weniger in der Kompexität der Aufgabe als im eingebauten Alarmsystem unseres Körpers. Lass mich das erklären.

Warum dein Nervensystem ein Wörtchen mitzureden hat

Vielleicht geht es dir auch so: Du hast kein Problem damit, einen Stapel frisch gedruckter Flyer in die Hand zu nehmen, in dein Lieblingscafé zu spazieren und freundlich zu fragen, ob du kostenlos dein Werbematerial auslegen darfst. Es kostet anfangs zwar eine gewisse Überwindung,  aber nach ein paar positiven Erfahrungen machst du das ganz routiniert.

Sobald du dich jedoch an deinen Laptop setzt, um einen Text für deine Website zu schreiben, zieht sich alles zusammen. Ein diffuses Gefühl von Panik oder Widerstand macht sich breit.

Warum ist das so? Schließlich musst du weder in Jogginghose das Haus verlassen noch eine wildfremde Person um einen Gefallen bitten. Woher also kommt diese massive Blockade?

Was dein Nervensystem braucht, um sich sicher zu fühlen

Trotz der modernen Zeiten laufen wir alle mit einem Steinzeitgehirn durch die Gegend. Unser Nervensystem ist primär darauf programmiert, Gefahren frühzeitig zu erkennen, um uns am Leben zu erhalten.

Damit es eine Situation als sicher einstuft und uns handlungsfähig hält, scannt das Gehirn permanent unsere Umgebung und sucht nach vier konkreten Signalen, die ihm Sicherheit vermitteln:

  • Räumliche Orientierung
  • Körperliche Aktion
  • Soziale Rückmeldung
  • Klarer Abschluss von Handlungen

Das Auslegen von Flyern bedient all diese Signale, die Arbeit an deiner Website jedoch kein einziges. Aber was bedeutet das konkret?

Flyer auslegen: Sicherheit für dein Reptiliengehirn

Stell dir vor, du gehst los, um deine Flyer auszulegen.

Du nimmst du die Flyer als physischen Gegenstand in die Hand und setzt dich in Bewegung (körperliche Aktion). Du betrittst das Café und erfasst unbewusst die Situation: die Größe des Raums, welche Gäste anwesend sind und wer hinter der Theke steht (räumliche Orientierung). Dann wechselst du ein paar nette Worte mit der Inhaberin (soziale Rückmeldung). Schließlich legst du deine Flyer aus und verlässt das Café (klarer Abschluss).

Dein Reptiliengehirn resümiert zufrieden: „Ich habe mich auf ein ungewisses Abenteuer eingelassen, aber es ist gut ausgegangen und jetzt bin ich wieder in Sicherheit.“ Und je öfter du das machst, desto weniger Stress bedeutet es.

Das schwarze Loch: Warum sich die Website unsicher anfühlt

Wenig später klappst du deinen Laptop auf. Eigentlich ist die Hürde hier viel niedriger, dennoch stößt du sofort an eine gläserne Wand. Warum? Weil dein Körper durch die Arbeit am Laptop keine eindeutigen Signale erhält, die er zuordnen kann.

Durch das Display deines Laptops begibst dich in eine virtuelle und abstrakte Welt ohne Wände und Grenzen (keine räumliche Orientierung). Deine Finger tippen zwar, aber dein Körper verharrt wie erstarrt auf dem Bürostuhl (keinerlei körperliche Aktion). Außer Smileys gibt es niemanden, der dich anlächelt (fehlende soziale Rückmeldung).

Wenn du dann auf den „Veröffentlichen“-Button klickst, erfährt dein Körper kein erleichterndes Gefühl des Abschlusses, sondern der Stress geht dann erst richtig los.

Du kannst nicht abschätzen, wer dich sieht. Es ist, als würdest du völlig ungeschützt auf einer Waldlichtung stehst und spüren, dass dich 100 verborgene Augenpaare aus dem Dickicht heraus anstarren.

Das Ergebnis ist eine diffuse Nervosität im Nervensystem, gepaart mit der Frustration, es wieder nicht geschafft zu haben.

Warum hochsensible Frauen das noch intensiver empfinden

Wenn du hochsensibel oder neurodivergent bist, dann sind deine Antennen für die oben beschriebenen Signale viel feiner ausgerichtet als bei „normalen“ Menschen. Deshalb empfindest du den Widerstand viel stärker als andere.

Dein Gehirn spielt blitzschnell alle Worst-Case-Szenarien durch: Was wenn mich plötzlich ganz viele Menschen sehen? Oder niemand? Wenn ich mich lächerlich mache oder nicht professionell genug wirke??? Denn wenn die soziale Rückmeldung fehlt, springt als Schutzschild sofort der Perfektionismus-Motor an.

Du bist also nicht unfähig und dein Prokrastinieren ist keine Schwäche. Es ist die völlig logische, neurobiologische Reaktion deines Nervensystems auf eine Situation, die es nicht als sicher einstufen kann.

So nimmst du dein Nervensystem mit an den Schreibtisch

Was definitiv nicht hilft ist, dich zu mehr Disziplin zu zwingen oder gegen die Blockade anzukämpfen. Dein Nervensystem will dich beschützen, also ist es klüger, mit ihm zu arbeiten statt dagegen. Du kannst die physischen Sicherheitssignale ganz bewusst in deine digitale Arbeit integrieren:

1. Greifbare Baby Steps

Starte nicht mit dem Riesenprojekt „Website“ sondern setze dir winzige Ziele: heute sammelst du Bilder, morgen schreibst du eine Überschrift – was gerade möglich ist. Und wichtig: beende diese kleinen Aufgaben immer mit einem Erfolgserlebnis!

2. Körperliches Feedback

Mach nach jedem Mikroschritt eine Pause und gib deinem Körper sein Feedback. Stehe auf, atme tief durch, schüttle Arme und Beine, trinke etwas. Beame dich in die physische Welt zurück.

3. Soziale Begleitung

Erzähle jemandem, dem du vertraust, von deinen unfertigen Entwürfen. Das holt die abstrakte Arbeit aus der Isolation und gibt dir die fehlende soziale Resonanz.

4. Die sichere Höhle

Betrachte deine Website als deinen Safe Space. Solange sie nicht live ist, kann dir nichts passieren. Und wenn sie dann live geht: installiere einen einfachen, datenschutzfreundlichen Tracker (wie Koko Analytics). Damit wirst du sehr schnell und beruhigend feststellen, dass es verdammt lange dauert, bis überhaupt jemand den Weg auf deine neue Seite findet.

Was mir hilft, wenn mein Nervensystem streikt

Ich würde dir an dieser Stelle wahnsinnig gerne erzählen, dass ich den Neuro-Code geknackt habe und dir den ultimativen Onlinekurs dazu andrehen. Dass ich morgens mit einem inspirierten Lächeln aufwache, meinen Blogartikel zen-mäßig heruntertippe und ihn veröffentlich habe, bevor der erste Kaffee kalt wird.

In Wahrheit geht es mir jedoch nicht viel anders wie dir. Ich schiebe jeden Beitrag wochenlang vor mir her, das schlechte Gewissen ist mein treuer Begleiter, ich mache mir Druck ohne Ende und jedes Wort ist ein zähes Ringen nach Perfektion.

Inzwischen habe ich aber eine kleine Notfall-Routine, die mich an guten Tagen aus dem Freeze zurückholt:

1. Die KI als Eisbrecher

Ich werfe meine losen Textideen in die KI und bitte sie, daraus eine grobe Textstruktur zu machen. Und manchmal auch, einen fertigen Text zu formulieren. Der dann dann mehrere Tage oder Wochen mahnend auf dem Schreibtisch liegt.

2. Das schlechte Gewissen aussitzen

Der unfertige Entwurf schwebt wie ein Damoklesschwert über mir. Täglich flirte ich mit dem Gedanken, den unfertigen KI-Text blind zu veröffentlichen, nur damit er vom Tisch ist. Aber mein Schreib-Stolz grätscht jedes Mal heldenhaft dazwischen. Also leide ich bereitwillig weiter.

3. Die neurodivergenten Wellen surfen

Inzwischen habe ich akzeptiert, dass die Kreativität und die Umsetzungsenergie bei einem neurodivergenten Hirn wie Ebbe und Flut sind: sie kommen in Wellen und gehen ganz still. Man muss also den richtigen Moment erwischen. Deshalb nutze ich produktive Hyper-Phasen, um Unmengen an rohen Textideen zu produzieren, die ich in Ebbezeiten nacharbeite und feinschleife.

4. Auf den inneren Bullshit-Detektor hören

Ich liebe es, meine wirren Textideen mithilfe von Claude und Gemini zu Texten zu entwickeln, die gerne gelesen werden. Trotzdem veröffentliche ich auf meiner Website niemals einen unbearbeiteten KI-Text. Mein (oft anstrengender) Qualitätsanspruch bewahrt mich glücklicherweise davor, meine Website mit generischem Einheitsbrei zu befüllen.

Aber ganz ehrlich: wenn dir KI-Texte helfen, überhaupt einen Text zustande zu bringen und deine Blockade zu durchbrechen – go for it! Feuer frei für die KI! Es ist allemal besser, einen unperfekten Text zu veröffentlichen als stumm in der Blockade zu verharren. Überarbeiten kannst du ihn später immer noch.

Sichtbarkeit, die sich sicher anfühlt

Dein Nervensystem kämpft also niemals gegen dich es versucht immer, dich zu schützen. Auch vor den vermeintlichen Gefahren eines virtuellen Raums, den es nicht einschätzen kann.

Die Lösung liegt als nicht darin, mutiger zu werden oder dich zu etwas zu zwingen, das sich falsch anfühlt. Sie liegt darin, den Weg so zu gestalten, dass dein Körper entspannt mitgehen kann.


Möchtest du deine Website endlich fertigstellen, ohne dich zu überfordern? Lass uns in einem gemeinsamen Gespräch herausfinden, wie deine ganz persönlichen, sicheren Schritte aussehen könnten. Hier kannst du dir einen Termin aussuchen.

Ich glaube fest an dich!
Deine Tanja

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